Das größte Geschenk, das wir machen können

Das größte Geschenk, das wir machen können.
Das größte Geschenk, das wir machen können.

Bald ist Weihnachten. Die Innenstädte füllen sich mit einem konsumwütigen Menschenstrom. Nervt es Dich auch, Dich zwischen den Massen durch die Geschäfte zu schieben und nach Geschenken zu suchen? Das ist völlig unnötig, denn das größte Geschenk, das wir jemandem machen können, lässt sich nicht kaufen. Dazu eine kleine Geschichte:

1.  Besuch bei meiner 92 jährigen Mutter

Letztens besuchte ich meine 92 jährige Mutter. Normalerweise gehen wir zusammen Eis essen. Sie liebt Spaghettieis. Als ich sie fragte, was wir gemeinsam machen wollen, sagte sie: „Ach lass uns einfach etwas sitzen und erzählen. Ich habe sonst wenig Gelegenheit dazu“. Zunächst hatte ich Angst, dass sie schwächer wird und keine Kraft mehr hat, Eis essen zu gehen. Doch dann erinnerte ich mich an die letzte Familienfeier: Als sie etwas sagte, fiel ihr jemand ins Wort und meinte, sie habe Unrecht. Die folgenden Gespräche behandelten Themen, bei denen sie nicht mitreden konnte. Ich verstand plötzlich, dass sie tatsächlich wenig Gelegenheit hat, von sich und ihrer Welt zu erzählen.

2.  In die Welt des Gegenübers eintauchen

Mamas Welt ist nach meinen Maßstäben klein geworden. Sie hat keine aufregenden Geschichten zu erzählen und manche erzählt sie mehrfach. Wie reagieren wir darauf, wenn jemand uns etwas vermutlich Langweiliges zum wiederholten Mal erzählt? Vor meinem geistigen Auge sehe ich die meisten Menschen das Handy zucken und sich ablenken.

Wenn ich bei Mama bin, unterbreche ich sie nicht. Ich höre ihr zu. Sie erzählt, dass sie eine Treppe rauf und wieder runter gegangen ist. Ich frage sie, ob das anstrengend war. Höre ich eine Geschichte zum wiederholten Mal, frage ich trotzdem einige Details nach. Ich verbessere sie nicht, wenn sie etwas in meinen Augen falsches sagt. Es geht nicht darum, Recht zu haben. Das größte Geschenk, dass wir jemandem machen können, ist ihm aufmerksam zuzuhören. In seine Welt einzutauchen.

3.  Formen des nicht Zuhörens

Sensibilisiert durch dieses Erlebnis habe ich in der darauf folgenden Zeit meine Umgebung intensiver beobachtet. Ich fand es erschreckend, wie wenig wir einander zuhören. Ein paar Beispiele:

  • Im Job können die meisten Menschen ein Meeting nicht mehr überstehen, ohne das Handy zu zucken und nebenbei Mails zu checken oder WhatsApp Nachrichten auszutauschen.
  • In einer Schulung war ein Teilnehmer zwar anwesend, hat aber die ganze Zeit mit dem Notebook gearbeitet. Von den Inhalten der Schulung hat er nichts mitbekommen.
  • In Partnerschaften glaubt der eine Partner schon, zu wissen, warum der andere etwas Bestimmtes sagt. Statt dem Partner bis zum Ende zuzuhören, wird innerlich schon diagnostiziert und eigene Argumente werden für die Antwort zurechtgelegt. Das passiert auch im Beruf.
  • Jüngere Menschen hören den Eltern nicht zu, ist ja uncool. Eltern hören ihren Kindern nicht zu, die haben ja eh keine Lebenserfahrung.

Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Immer dann, wenn wir glauben zu wissen, was der Andere sagen wird, was in ihm vorgeht oder was richtig ist, hören wir nicht wirklich zu. Wir sind damit beschäftigt, in unsere eigenen Gedankenwelten einzutauchen, statt dem Anderen aufmerksam zuzuhören.

4.  Das größte Geschenk: Aufmerksam zuhören

Das größte Geschenk, das wir machen können, ist aufmerksam zuzuhören. Es ist gleichzeitig auch das wertvollste Geschenk, das wir geben können: Wir schenken nicht weniger als einen Teil unserer Lebenszeit. Wenn wir nicht achtsam zuhören, ist das Geschenk nutzlos. Wie kalter, entkoffeinierter Kaffee.

Statt Dein Gewissen mit einem gekauften Geschenk zu beruhigen, verschenke zu Weihnachten einen Teil Deiner Lebenszeit. Tauche in die Welt Deines Gegenübers ein und höre aufmerksam zu. Wenn Du die Geschichten langweilig findest oder sie sich wiederholen, höre anders zu. Was sagt der Andere über sich, nicht mit Worten, sondern mit Tonfall und Körpersprache? Wie könnte sich der Andere fühlen? Was lernst Du, wenn Du dem Anderen zuhörst?

Wenn Du wachsam zuhörst, wirst Du Dinge wahrnehmen, die nicht gesagt werden. Möglicherweise erfährst Du sogar Überraschendes. Nimm Dir Zeit und hör langsam zu. Es ist das größte Geschenk, das Du jemandem machen kannst. Ob zu Weihnachten oder einfach so.

Danke Mama, dass Du mich den Wert des Zuhörens gelehrt hast.