Wie Scham Dich zu Deinen Werten führt

Wie Scham Dich zu Deinen Werten führt

„Schäm Dich“ haben wir alle in unserer Kindheit von den Eltern gehört. Wir verbinden nichts Positives damit, uns zu schämen. Dabei kann uns die Scham dazu führen, herauszufinden, was uns im Leben wirklich wichtig ist.

1. Verletzen der eigenen Werte und Scham

Andreas: Vor ein paar Wochen schrieb ich einen Werbebrief, in dem ich totalen Bockmist baute. Ich wollte die Frage aufwerfen: Was führt dazu, dass der gleiche Mensch im privaten Kontext Herausragendes leistet, aber im beruflichen Kontext nur Durchschnittliches? Allerdings vergriff ich mich in der Wortwahl. In wählte ein anonymes Beispiel, in dem ich die betreffende Person abwertete. Erst ein Brief der Personalleiterin des betreffenden Unternehmens ließ mich aufhorchen. Ich war erschüttert über mein eigenes Verhalten. Ich schämte mich zutiefst. Sämtliche Strategien, die Scham nicht fühlen zu wollen, stiegen in mir auf. Ich wollte mich mit Geld entlasten, wegrennen oder mich betrinken. Es nützte alles nichts. Was passiert war, ließ sich nicht mehr zurückdrehen.

Doris: Wir alle besitzen Wertvorstellungen, nach denen wir unser Leben ausrichten. In der Regel geschieht dies unbewusst. Wir merken es erst, wenn unsere Wertvorstellungen verletzt werden. Wenn unser Gegenüber, Chef oder Kollege, sich nicht gemäß unseren Wertvorstellungen verhält. Plötzlich wird es eng in uns. Unsere Toleranz, die wir vielleicht als unseren eigenen Wert deklarieren, bröckelt. Wir werden streng, stellen uns gedanklich und gefühlsmäßig über unser Gegenüber. Es spielt keine Rolle, ob es sich um wichtige oder unwichtige Themen handelt. Ob unser Unternehmen wissentlich gegen Umweltauflagen verstößt oder ein erkälteter Kollege ständig seinen Rotz hochzieht, statt ein Taschentuch zu benutzen. Die erste gefühlsmäßige Reaktion ist immer dieselbe: Unser ganzes Sein signalisiert „das geht doch nicht“. Erst danach schaltet sich unser Verstand ein und entscheidet, wie wir darauf reagieren wollen. Wie viel Gewicht messen wir dem bei, wenn jemand gegen unsere Werte verstößt?

Was aber, wen wir SELBST gegen unsere eigenen Werte verstoßen? Meistens ist das noch mehr im Schatten des Unbewussten verborgen. Es tritt erst dann schmerzlich ins Bewusstsein, wenn es uns ein anderer Mensch spiegelt. Ich wollte doch immer respektvoll und achtsam mit meinen Mitmenschen umgehen, und in einer unbewussten Minute lasse ich eine abwertende Bemerkung über meine Kollegin aus dem Vorzimmer fallen. Upps. Zu allem Überfluss spiegelt mir mein Gegenüber auch noch, dass sie sehr irritiert über die Art ist, wie ich das sage. Nochmals upps.

Wenn ich mir erlaube zu fühlen, was in mir passiert, entdecke ich meistens eine tiefe Scham. Ein Gefühl von „ich bin falsch“, das ziemlich massiv sein kann. Das ist definitiv kein Gefühl, das wir gerne fühlen und keines, mit dem wir uns gerne zeigen. Deshalb vermeiden es viele Menschen. Sie gehen sofort in eine Angriffs- oder in die Verteidigungsposition, statt innezuhalten und die Scham zu fühlen.

Andreas: Das ist es! Offenbar hatte ich im Dienst des Erfolgs meine eigenen Werte verletzt:

  • Ich möchte keinen anderen Menschen schaden
  • Ich möchte integer sein
  • Ich möchte bewusst leben

Aber welcher Teil in mir wertet andere Menschen ab? Ich beobachte häufiger, wie ich innerlich andere Menschen im beruflichen Kontext abwertete. Ein Teil der Antwort ist meine Angst vor Konkurrenz. Ich suche mir entweder Menschen, die in einem Gebiet klar besser oder klar schlechter sind als ich. Das scheint jedoch nicht Alles zu sein.

2. Abwertung und Verfehlung als Chance

Doris: Es gibt so viel zu entdecken und vielleicht auch innerlich neu zu bewerten, wenn es uns gelingt, die Chance einer solchen Situation zu nutzen. Im ersten Schritt sollten wir uns bewusst werden, was unsere eigenen Werte sind. Je klarer wir uns über unsere eigenen Werte sind, desto mehr können wir uns danach richten. Unser Leben bewusst danach gestalten. Was ist mir wichtig? Wie möchte ich sein? Was ist mein persönlicher Anspruch an mich? Wie möchte ich, dass Andere mich behandeln?

Im zweiten Schritt können wir reflektieren, wo wir unsere Werte nicht einhalten. Scham ist ein guter Wegweiser dafür. Erst im dritten Schritt können wir uns ansehen, was uns dazu treibt, unsere eigenen Werte zu verletzen. Es geht nicht darum, in der Vergangenheit zu forschen, warum wir so reagieren, wie wir reagieren. Es geht darum zu ergründen, aus welcher Motivation heraus wir aktuell unsere Werte verletzten. Vielleicht sind es konkurrierende Wertvorstellungen, die uns dazu bringen. Beispielsweise kann eine Wertvorstellung sein, respektvoll mit meinen Mitmenschen umzugehen. Eine andere, Themen in ihrer ganzen Tiefe zu erforschen. Damit ist ein „respektvoller Umgang mit einer oberflächlichen Kollegin“ schwer vereinbar.

Andreas: Das stimmt! Da haben zwei Teile in mir miteinander gestritten. Wenn ich darüber nachdenke, ist mir folgendes Verhalten von meinen Arbeitskollegen wichtig:

  • Ich möchte klare Aussagen haben, auf die ich mich verlassen kann. Das kann auch eine Aussage sein wie: „Ich kann es Dir jetzt noch nicht sagen. Gib mir noch bis nächste Woche Zeit, das anzusehen, danach bekommst Du eine Aussage“.
  • Ich möchte, dass Arbeitskollegen neugierig sind und von sich aus Neues (auch über sich) lernen wollen. Nicht nur auf Anweisung des Arbeitgebers.
  • Ich genieße es, wenn man mir zuhört. Mich ausreden lässt, bevor geantwortet wird.
  • Ich möchte, dass meine Kollegen mehr als eine Alternative durchdenken. Sich nicht mit der erstbesten Lösung zufriedengeben.

Falls ein Arbeitskollege dieses Verhalten nicht ausübt, beginne ich ihn oder sie abzuwerten und verletze meine eigenen Werte.

Doris: Sich über die eigenen Werte klar zu werden, kann Verschiedenes auslösen. Vielleicht wird uns die Widersprüchlichkeit unserer Werte bewusst. Oder wir merken, dass alte anerzogene Vorstellungen, die längst überholt sind, unser Handeln beeinflussen.

Möglicherweise entlarven wir einen ursprünglich positiven, aber „übers Ziel hinaus schießenden“ Antrieb. Eine innere Freude an Entwicklung und Verbesserung kann sich beispielsweise in Arroganz im Sinne von „ich bin besser als andere“ entwickelt haben. Mit Offenheit und Phantasie fallen uns vermutlich unzählige andere Möglichkeiten des übertriebenen Antriebs ein. Was auch immer wir erkennen: Das Aha-Erlebnis erhöht unseren Spielraum, den wir in einer konkreten Situation haben. Es befreit uns aus unseren eingefahrenen Reaktionsmustern. Das Bewusstwerden der Zusammenhänge verändert bereits unser Sein und Handeln.

3. Fazit

Auch, wenn es sich definitiv nicht angenehm anfühlt: Jeder, der so richtig ins Fettnäpfchen getreten ist, kann sich nur beglückwünschen. Es ist eine Chance für Wachstum!!

Außerdem: Zu erkennen, dass „selbst ich“ manchmal meinen Vorstellungen nicht treu bin, stimmt mich milde gegenüber den vermeintlichen Verfehlungen Anderer.

4. Unsere Fragen an Dich

  • Was sind Deine persönlichen Werte?
  • Wie gehst Du damit um, wenn Andere sie verletzen?
  • Wie gehst Du damit um, wenn Du selbst sie verletzt?


Wir freuen uns über Kommentare und Ergänzungen zu diesem Blogeintrag.

 

Herzlichst Doris und Andreas

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